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Gegenwille

Der zutiefst menschliche Widerstand gegen Zwang wird gewöhnlich durch die Bindung abgeschwächt oder entsteht erst gar nicht.

Das kennen wir aus unserer eigenen Erfahrung: Wenn wir verliebt sind, erscheint uns kaum eine Erwartung der geliebten Person unangemessen. Gegen Forderungen von jemanden, mit dem wir uns nicht verbunden fühlen, werden wir uns viel eher sträuben.

Ein Kind, das uns nahe sein will, nimmt unsere Erwartungen wahrscheinlich als Gelegenheit wahr, es uns recht zu machen. Signale, wie es sich verhalten und was es tun soll, helfen einem solchem Kind, die Annerkennung seiner Eltern zu erlangen.


Ohne die Bindungsdynamik verhält sich die Sache ganz anders, besonders bei Kindern, die noch nicht genügend Reife entwickelt haben, um zu wissen, was sie eigentlich wollen.

Erwartungen sind dann eine Form von Druck. Bekommt man gesagt, was man tun soll, so fühlt man sich herumkommandiert. Zu folgen fühlt sich wie eine Kapitulation an. So können sogar verhältnismäßig reife Erwachsene reagieren und noch in der Entwicklung befindliche Kinder erst recht.


Der Gegenwille hat zwei Funktionen:

Seine Hauptaufgabe ist die Abwehr von Einflüssen und Anweisungen, die von außerhalb des Kreises der kindlichen Bindungen kommen. Er schützt das Kind davor, sich von Fremden fehlleiten und zu etwas zwingen zu lassen.
Außerdem fördert der Gegenwille in jungen Menschen das Wachstum des inneren Willens und der Autonomie.

 

Wir alle sind am Anfang des Lebens vollkommen abhängig und hilflos, aber das Ergebnis natürlicher Entwicklung ist die Heranreifung zu einem eigenmotivierten und eigenständigen Individuum mit einem echten eigenen Willen.

Der Gegenwille tritt zum ersten Mal im Kleinkindalter auf, um bei der Aufgabe dieser Individuation zu helfen. Im Grunde errichtet das Kind eine Mauer aus Neins um sich herum. Hinter dieser Mauer kann es allmählich herausfinden, was es mag und was nicht, was seine Vorlieben sind und was seine Abneigungen, ohne vom übermächtigen Willen der Eltern überwältigt zu werden. Ohne die schützende Abgrenzung kann der im Entstehen begriffene Wille des Kindes nicht überleben. Während der Adoleszenz dient der Gegenwille demselben Zweck und hilft dem jungen Menschen, seine psychische Abhängigkeit von der Familie zu lockern.

 

Es kann zum Beispiel sein, dass wir unser Kind für stur oder zu willensstark halten und meinen, ihm seine auflehnende Haltung abgewöhnen zu müssen. Bei kleinen Kindern ist es allerdings kaum zutreffend, überhaupt von einem Willen zu sprechen, wenn man darunter die Fähigkeit einer Person versteht, zu wissen, was sie will, und dieses Ziel ungeachtet von Rückschlägen oder Ablenkungen zu verfolgen.

Das was bei Kleinkindern als starker Wille erscheint ist eher das zwanghafte Klammern an den einen oder anderen Wunsch. Die Kraft dafür kommt aus dem unbewussten und beherrscht das Individuum, wohingegen eine Person mit einem echten Willen ihre Absicht unter Kontrolle hat.

Häufig wird der Gegenwille als bewussten Durchsetzungsversuch und somit Stärke des Kindes fehlinterpretiert. Dabei ist lediglich der Abwehrreaktion stark, nicht das Kind. Je schwächer der Wille, desto mächtiger der Gegenwille. Läge die Stärke tatsächlich im kindlichen Selbst, so würde das elterliche Verhalten nicht als so bedrohlich empfunden werden. Das Kind hat nicht das Gefühl zu tyrannisieren, sondern fühlt sich selbst tyrannisiert.


Im Idealfall erfährt das Kind den Gegenwillen nicht als eine automatisch in ihm aufkommende Feindseligkeit, sondern als gesunden Unabhängigkeitsdrang.

Das Kind wird Hilfe abwehren, um Dinge selber zu machen, wird sich gegen Anweisungen sträuben, um seine eigene Beweggründe zu finden, wird sich gegen Führung wehren, um seinen eigenen Weg zu finden und um seinen eigenen Geist, seinen inneren Antrieb und seine Eigeninitiative zu entdecken. Das Kind wird sich wehren, wenn die Eltern, wenn die Eltern "du solltest" zu ihm sagen, damit es seine eigenen Vorlieben entdecken kann. Aber diese Verlagerung zu echter Unabhängigkeit kann nur geschehen, wenn ein Kind sich seiner Bindungen zu den Erwachsenen in seinem Leben absolut sicher ist.
Verläuft die Entwicklung optimal und macht das Kind Fortschritte bei seiner Selbstfindung, so nimmt das Bedürfnis nach Bindung ab. Das Kind wird dann sogar noch empfindsamer für Zwänge und lässt sich noch weniger herumkommandieren. Es wird sich erniedrigt fühlen, wenn es behandelt wird, als hätte es keine eigenen Gedanken, Meinungen, Grenzen, , Werte, Ziele, Entscheidungen und Ambitionen, und hartnäckig Widerstand leisten, wenn es nicht als eigenständige Person anerkannt wird. Und das ist wie gesagt, gut so, denn der Gegenwille soll das Kind schützen und dafür sorgen, das es nicht zu einer Erweiterung eines anderen Menschen wird, auch nicht der Mutter oder des Vaters. Er hilft dem Kind, sich zu einem autonomen, aufstrebenden Wesen zu entwickeln, das voller Lebenskraft und auch außerhalb von Bindung funktionsfähig ist.

Mit der Entwicklung echter Unabhängigkeit und Reife schwächt sich der Gegenwille ab. Menschen entwickeln die Fähigkeit, gemischte Gefühle zu ertragen und in widersprüchlichen Gemütsverfassungen zu sein, sich beispielsweise Unabhängigkeit zu wünschen und gleichzeitig unbedingt eine Bindungsbeziehung bewahren zu wollen.

Der wirklich reife Mensch mit einem echten eigenen Willen braucht nicht mehr automatisch zum Willen anderer in Opposition zu gehen, sondern kann es sich leisten, anderen dann zu folgen, wenn dies sinnvoll ist, und sonst seinen eigenen Weg zu gehen.

 


Aber Achtung nicht verwechseln mit dem Gegenwillen, gegenüber den Eltern bzw. Erwachsenen allg. bei bestehender Gleichaltrigenorientierung.

Dieser ist kein Ausdruck von Selbständigkeit, denn hier verlagert sich die Abhängigkeit von den Eltern auf die Gleichaltrigen, die neuen Bindungspersonen.
Ist der Gegenwille ein Ergebnis der Gleichaltrigenorientierung, so ist der Widerstand offensichtlich und wird durch keine Annährung an die Eltern gemildert. Das Kind geht nur in eine Richtung, zu den Gleichaltrigen hin.
Es gibt eine absolut sichere Möglichkeit, den durch Gleichaltrige verzerrten Gegenwillen vom wahren Selbstständigkeitsdrang zu unterscheiden: Ein Kind im Reife- und Selbstfindungsprozess wehrt sich gegen jeglichen Zwang, egal woher er kommt, auch gegen den Druck, der von Gleichaltrigen ausgeht. Bei gesunder Rebellion wird wahre Unabhängigkeit angestrebt, nicht die Loslösung von einer Person, um den Willen und dem Einfluss einer anderen zu erliegen. Ist der Gegenwille die Auswirkung verzerrter Bindungen, so geht es bei der vom Kind angestrebten Freiheit nicht um sein wahres Selbst, sondern um die Möglichkeit, sich seinen Altersgenossen anzupassen. Zu diesem Zweck wird das Kind seine eigenen Gefühle unterdrücken und seine eigenen Meinungen tarnen, sofern diese von denen seiner Gleichaltrigen abweichen.


Erwachsene, die diese Form des Gegenwillens fälschlich als gesunde Selbstbehauptung des Jugendlichen interpretieren, ziehen sich unter Umständen zu früh aus der Erzieherrolle zurück. Während es weise ist, Jugendlichen Raum zu geben, um sich selbst zu finden, und ihnen zu erlauben, aus ihren Fehlern zu lernen, werfen viele Eltern einfach das Handtuch und ziehen sich, gewöhnlich ohne Ankündigung oder Zeremonie, aus Frust oder schierer Verzweiflung zurück. Dieser vorzeitige Rückzug bedeutet aber, dass wir aus Unwissenheit Kinder im Stich lassen, die uns, ohne sich dessen bewusst zu sein, noch dringend brauchen würden.

Viele der Texte und Inhalte sind aus dem Buch: "Unsere Kinder brauchen uns" von Gordon Neufeld entnommen. Ein Buch das ich jedem ans Herz legen möchte.